Sozialer Alltag

Nicaragua ist eines der „jüngsten“  Länder der Welt. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist 15 Jahre und jünger. Die Familien hatten bis vor Kurzem durchschnittlich fünf bis sechs Kinder. In den letzten Jahren ist die Geburtenrate aber sehr stark zurückgegangen. Nicaraguaner übernehmen in einem Alter Verantwortung, in dem deutsche Kinder noch sorgenfrei spielen. Obwohl sie sehr früh reif sind, bewahren sie bis ins Erwachsenenalter hinein eine Lebenslust und Fröhlichkeit, um die wir sie beneiden können. Es wird jede Gelegenheit genutzt, ein Fest zu feiern. Geburtstage werden zum Anlass genommen, ausgelassen zu essen, zu trinken und zu tanzen, immer in der feinsten Kleidung und die Frauen sorgfältig geschminkt. Die Eingeladenen bringen häufig Freunde mit. Sie sind auch willkommen, wenn sie der Familie unbekannt sind.

Copyright Dr. Jürgen Steidinger

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Die Familien bestehen vielfach aus mehreren Generationen, die auf engem Raum zusammenleben. Heiraten die Kinder, bauen sie auf dem Grundstück der Eltern am Haus ein eigenes Zimmer an und ziehen dort ihre eigenen Kinder auf. Im Rahmen einer so großen Gemeinschaft hat jeder seine Funktion: Die Frauen kochen, versorgen den Haushalt und müssen aufgrund zunehmender Arbeitslosigkeit ihrer Männer immer stärker für den Lebensunterhalt mit aufkommen. Insofern delegieren sie Arbeiten im Haushalt und die Erziehung der jüngeren Kinder an die älteren. Dies ist immer noch die Aufgabe der Mädchen. Die Jungen müssen schon in frühem Alter für den Unterhalt der Familie mit sorgen, indem sie jede Art von Arbeit übernehmen: ambulantes Verkaufen von Tortillas oder Getränken, Einkaufen gehen und Tragen helfen etc.

Die „Ihr“ – Form

In Nicaragua wird nicht das in Spanien übliche „du“ (tú) verwendet. Man sagt stattdessen „Sie“ (Usted) um den Respekt auszudrücken und etwas Ähnliches wie „Ihr“ (vos), wenn es sich um einen Freund handelt. Die zweite Person Mehrzahl „ihr“ (vosotros) existiert praktisch nicht, es wird stattdessen „Sie“ (Ustedes) verwendet, auch, wenn man eng befreundet ist, aber Respekt bekunden möchte. Selbst den Hunden wird befohlen: „Schweigen Sie!“ “¡cállese!”.

DIE INTER“MORTALES“

Wie kommt man am schnellsten in die Hauptstadt? Im Interlocal. So werden die koreanischen Kleinbusse genannt, die die größeren Städte miteinander verbinden. Ausgebaut in 5 Reihen zu je 3 Personen, Gepäck auf dem Schoß. C$ 40 (2 €) für eine Fahrt von León nach Managua. Schneller geht es nicht. Die Busse fahren los, wenn 14 Fahrgäste gefunden sind. Und die sind schnell beisammen, dafür sorgen schon die Schreier: „Manawa, Manawa“, soll heißen Managua. Sie schwärmen aus über den gesamten Busbahnhof, um den großen Überlandbussen die Fahrgäste abzujagen. Falls man noch nicht entschieden hat, welches von den beiden Verkehrsmitteln man nehmen will, haben die Schreier schon das Gepäck in der Hand und manövrieren einen unbarmherzig auf einen der engen Sitze. Ist man erst einmal drin, kommt man nicht so leicht wieder raus aus der engen Kiste.

Außerdem hat man dann auch schon sein Getränk in der Hand und etwas zu Essen. Dafür sorgen die fliegenden Händler, die das Auto umschwärmen, um Kämme, Wasser, Zeitungen und Essen aus der Garküche zu verkaufen. Die Fahrt geht los, wenn der Cobrador (Kassierer) das Geld einkassiert hat. Zunächst im Verkehrsstrom der Stadt. Und dann ist man auf der Landstraße. Da geht es los. Zugegeben, es gibt noch schnellere Autos und auch ein Interlocal wird mal überholt, aber nicht so häufig. Trotz des beträchtlichen Gewichtes von 15 Personen holen die Fahrer aus den Motoren ihrer verbeulten Kleinbusse so viel raus, dass sie zu den schnellsten Verkehrsmitteln der Landstraße zählen.

© 2011 Ein Beitrag von Gerd Schuman